Informationen zu Studentenverbindungen

Einführung in Art und Wesen von Studentenverbindungen

Um eine fundierte Meinungsbildung über Verbindungen zu erleichtern, sind in diesem Abschnitt einige Informationen zu Art und Wesen von Studentenverbindungen zusammengestellt worden.

Gemeinsamkeiten aller Verbindungen

Einige Eigenschaften, im Allgemeinen Prinzipien genannt, haben nahezu alle studentischen Verbindungen, auch Korporationen genannt, gemein:

  • Lebensbundprinzip: Hinter diesem Prinzip stehen der Anspruch und das Ziel einer lebenslangen Mitgliedschaft in der Verbindung. Ein späterer Austritt oder Ausschluß ist jederzeit möglich, widerspricht aber grundsätzlich dem Anspruch des Lebensbundes. Aufgrund der engen persönlichen Bindung wird eine entsprechende Entscheidung erst nach reiflicher Prüfung getroffen. Dennoch entstehen gelegentlich unüberwindbare Konflikte, die nur durch einen Austritt oder einen Ausschluß überwunden werden können.
  • Fuxenstatus: In den meisten Verbindungen gibt es zu Beginn der Mitgliedschaft eine Probezeit von ein bis zwei Semestern, die so genannte Fuxenzeit. In dieser Zeit können die neuen Mitglieder (Fuxe) in Ruhe die Verbindung in ihren Einzelheiten beschnuppern und kennen lernen. Für diese Zeit gibt es eingeschränkte Rechte und Pflichten. Danach entscheiden Fux und Verbindung abschließend über die dauerhafte Mitgliedschaft.
  • Freundschaftsprinzip: Ein hohes Ziel ist die intensive Freundschaft und gegenseitige Wertschatzung der Mitglieder einer Verbindung. Nahe liegend angesichts der Tatsache, dass der Zusammenhalt die Studienzeit an einem gemeinsamen Ort überdauern soll.
  • Aktive / Philister: Wahrend der Zeit des Studiums gehören die Mitglieder im Allgemeinen zur Aktivitas, die das Verbindungsleben am Hochschulort bestimmt. Mit Abschluß des Studiums werden die Aktiven zu Philistern (auch Alte Herren bzw. Hohe Damen genannt), verlassen die Aktivitas und treten in das Philisterium ein. In den meisten Verbindungen arbeiten die beiden Gruppen organisatorisch weitgehend autonom, allerdings werden grundlegende, die gesamte Verbindung betreffende Themen gemeinsam beschlossen.
  • Generationensolidaritat: In den meisten Verbindungen gibt es eine Art umgekehrten Generationenvertrag: Die altere, bereits im Arbeitsleben stehende Generation unterstutzt die jüngere, studierende Generation. Einerseits durch Weitergabe von Erfahrungen, andererseits materiell in der Regel durch Unterstutzung und Erhalt des Verbindungshauses. Die Philister profitieren davon, ein Leben lang eine Anlaufstelle an ihrem alten Hochschulort zu haben. Hier lassen sich gut alte Freundschaften pflegen und neue aufbauen.
  • Conventsprinzip: Die wichtigen Entscheidungen einer Verbindung werden auf dem Convent getroffen, der in Art und Wesen einer Ortsvereinssitzung ähnelt. Auf dem Convent wird der Vorstand gewählt, es werden Veranstaltungen geplant, Aufgaben verteilt, Probleme angesprochen und aufgearbeitet. Das Prinzip des Conventsgeheimnisses entspricht dem Wesen einer nichtöffentlichen Sitzung und hat den Zweck, eine freundschaftlich-vertrauensvolle und zugleich kritische Atmosphäre zu ermöglichen, ohne dass die kritisierten Mitglieder ihr Gesicht verlieren.
  • Verantwortung lernen & übernehmen: Wie in den meisten Vereinen muss jegliche Aktivität von den Mitgliedern ehrenamtlich entfaltet und getragen werden. Bei Korporationen bedeutet das, dass sich jedes neue Mitglied mit seinem Eintritt zur Übernahme diverser Vorstandsämter (z. B. Sprecher, Kassierer, Schreiber, Neumitgliederbetreuer [=Fuxmajor]), aber auch aller anderen anfallenden Arbeiten bereit erklärt. Dank dieser Erfahrungen, die die Verbindungsmitglieder mit der Ämterrotation (die Ämter werden für ein Semester besetzt, danach ist ein Wechsel üblich), der regelmäßigen Übernahme von Verantwortung und der direkten Rückmeldung in freundschaftlichem Kreis sammeln, haben viele Korporierte ihre Verbindung auch als eine Schule der Demokratie schätzen gelernt. Diese Erfahrungen ermöglichen und motivieren auch im späteren Leben zu gesellschaftlichem Engagement und zur Übernahme verantwortungsvoller Aufgaben und Positionen.
  • Traditionspflege und Modernisierung: Studentenverbindungen blicken auf ein Alter von teilweise deutlich über 100 Jahren zurück. Die in dieser langen Zeit erworbenen Erfahrungen und Errungenschaften aus besseren wie aus schlechteren Zeiten werden mit Bewußtsein und Stolz erhalten und gepflegt, aber auch den Entwicklungen der Zeit angepaßt. Ebenso wie die Sozialdemokratie in ihrer langen Geschichte als älteste deutsche Partei zahlreiche Traditionen angenommen und lieb gewonnen hat, die für das eigene Selbstverständnis von großer Bedeutung, aber für Außenstehende teilweise erklärungsbedürftig sind, sind auch manche Traditionen von Studentenverbindungen in ihrer Art und Bedeutung für Außenstehende erklärungsbedürftig.

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Wie andere Organisationen mit starken Traditionen auch verändern sich Studentenverbindungen häufig langsamer als der zahlreichen kurzfristigeren Moden unterliegende Zeitgeist. Da alle Mitglieder, einschließlich der älteren Jahrgange, sich in ihrer Verbindung heimisch fühlen sollen, können Modernisierungen nur behutsam und mit Rucksichtnahme sowie nach ausgiebiger Kommunikation durchgeführt werden.

Unterschiede in verschiedenen Verbindungstypen

Es gibt weitere Eigenschaften, die nur für einen Teil der Verbindungen zutreffen, aber häufig verallgemeinert werden:

  • Korporation Burschenschaft: Unter den deutschen Korporationen gibt es eine große Vielfalt an Verbindungstypen, die sich in ihrem Wesen sehr stark voneinander unterscheiden. So gibt es Akademische Verbindungen und Vereinigungen, Corps und Burschenschaften, katholische, christliche, musische und sportliche Verbindungen, Sängerschaften, Turnerschaften und Landsmannschaften. Auch wenn Burschenschaften den bekanntesten Typus deutscher Korporationen darstellen und dieser Begriff häufig als Synonym für Verbindungen benutzt wird, stellen sie weniger als 20% aller deutschen Korporationen.
  • Schlagen: Beim Studentischen Fechten (Pauken) geht es mehr um die Überwindung der eigenen Angst als darum, den anderen zu verletzen. Wie bei anderen Kampfsportarten auch geht es um das Durchleben einer geregelten Extremsituation, die ein gewisses Verletzungsrisiko in sich birgt. Die Traditionslinie, welche die Mensur allerdings durchaus mit dem Duell verbindet, führt zu einer ebenso heftigen Befürwortung durch die schlagenden wie einer Ablehnung durch die nichtschlagenden Verbindungen.
  • Farbentragend / nicht farbentragend: Die meisten Verbindungen, farbentragende wie auch nicht farbentragende, haben eine Fahne mit den Farben, dem Wappen und dem Zirkel ihres Bundes. In farbentragenden Verbindungen demonstrieren die Mitglieder durch das Tragen von Bändern und Mützen in den speziellen Verbindungsfarben, die von Bund zu Bund variieren, die Zugehörigkeit zu ihrer Verbindung. Nicht farbentragende Verbindungen hingegen verzichten bewußt darauf, ihre Mitgliedschaft auf diese Weise hervorzuheben.
  • Politisches Engagement: Die Mehrheit der Korporationen hat keinen politischen Anspruch, ja lehnt einen solchen explizit ab. Das bedeutet, dass sich die einzelnen Mitglieder politisch bzw. parteipolitisch äußern können, aber politische Statements im Namen der Verbindung in der Regel untersagt sind. Einige Verbindungen, wie Burschenschaften und Mitgliedsbunde des VDSt, pflegen ein politisches Prinzip, dieses wird aber nicht parteipolitisch, sondern als Aufforderung zur individuellen Meinungsbildung und zur Mitwirkung an der Gestaltung des demokratischen Gemeinwesens verstanden.
  • Geringe Macht der Verbände: Die wesentliche Einheit ist die einzelne Verbindung. Die persönliche Mitgliedschaft gilt, im Gegensatz zur Sozialdemokratie, in der Regel nicht gegenüber dem Gesamtverband, sondern gegenüber der eigenen Verbindung. Diese Verbindung entscheidet bei Interesse, einem zu ihr passenden Dachverband beizutreten, viele sind in keinem Dachverband. Entsprechend sind in den meisten Dachverbänden die Macht der Zentrale sowie deren Disziplinierungsmöglichkeiten sehr begrenzt.
  • Zusammensetzung der Mitglieder: Als soziale Netzwerke folgen viele Verbindungen bestimmten Kriterien bei der Auswahl ihrer Mitglieder:
  • Hochschule: Die meisten Verbindungen haben einen Bezug zu einem Ort bzw. zu einer Hochschule. Die Möglichkeit einer Mitgliedschaft ist in der Regel an ein Studium an dieser Hochschule bzw. diesem Hochschulort gebunden.
  • Schule: Es gibt auch zahlreiche Schulerverbindungen, die sich jeweils an einer Schule organisieren. Auf diesen Verbindungstypus wird hier aber nicht naher eingegangen.
  • Geschlecht: Die Mehrzahl der Verbindungen nimmt nur Männer auf. Seit etwa vierzig Jahren nehmen zunehmend mehr ehemalige Männerbünde auch Frauen auf und wurden damit zu gemischten Verbindungen. Seit etwa zwanzig Jahren werden in vielen Städten auch Damenverbindungen gegründet, die ausschließlich Frauen aufnehmen.
  • Religion: Es gibt zahlreiche katholische Verbindungen, einige weitere christliche Verbindungen nehmen Christen jeglicher Konfession auf. In den zwanziger Jahren gab es auch einige jüdische Verbindungen, aber davon wurde bis heute keine reaktiviert (wieder gegründet).
  • Herkunft, Nationalität: Viele Landsmannschaften wählten früher ihre Mitglieder nach der regionalen Herkunft aus. Noch heute gibt es eine Münchner Verbindung ausschließlich für Bayern. Zahlreiche (nicht alle!) DB-Burschenschaften nehmen nur Deutsche, also keine Ausländer, auf.
  • Gemeinsame Interessen: Es gibt musische Verbindungen und Sängerschaften, die sich der Musikalität verschreiben, sportliche Verbindungen und Turnerschaften, die sportliche Aktivitäten pflegen, es gibt Jagd- sowie Ruderverbindungen u.v.m.
  • Fachspezifische Verbindungen: Es gibt fachwissenschaftliche Verbindungen, in denen nur Studenten bestimmter Fachrichtungen (Nautik, Brauerei, Ingenieurverbindungen) aktiv werden können.

Dachgeschoss

Geschichtliche Entwicklung der Verbindungen

Studentenverbindungen blicken auf eine mittlerweile gut 200jahrige Geschichte zurück und haben in dieser Zeit auf unterschiedlichste Weise die deutsche Gesellschaft beeinflußt. Korporierte waren sozialistische Vordenker und Parteigründer der SPD.

  • Demokratische Vorkampfer in der Märzrevolution 1848: Insbesondere im frühen 19. Jahrhundert waren Korporationen Katalysatoren der demokratischen Entwicklung Deutschlands. Die demokratischen Bewegungen dieser Zeit wurden von Korporierten aktiv und intensiv vorangetrieben, vom Wartburgfest 1817 und dem Hambacher Fest 1832 bis hin zur Revolution von 1848 und dem Paulskirchenparlament. Insbesondere die damals radikaldemokratisch ausgerichteten Burschenschaften trugen diese Bewegungen voran und waren deshalb in der Zeit des deutschen Vormärzes in vielen deutschen Teilstaaten verboten und verfolgt.
  • Nationalstaatliche Einigung 1870: Als Kampfer für eine nationalstaatliche Einigung unterstutzten die Burschenschaften weitestgehend vorbehaltlos die preußische Politik der militärischen Einigung und der Errichtung des deutschen Kaiserreiches und verloren dabei ihre radikaldemokratische und oppositionelle Ausrichtung. Dafür gerieten andere Gruppierungen, insbesondere die katholischen Verbindungen, im Rahmen des Kulturkampfes in Opposition zum Staat.
  • Gründung der SPD durch Verbindungsstudenten: Der bedeutendste sozialistische Vordenker, Karl Marx, war ebenso korporiert wie die Gründer und ersten Vorsitzenden der beiden sozialdemokratischen Mutterparteien, Wilhelm Liebknecht und Ferdinand Lassalle.
  • Weimarer Republik: Auch zahlreiche leitende Vertreter der Weimarer Republik waren korporiert. Jedoch fallt gerade in die Zeit der Weimarer Republik die negativste Entwicklung der Studentenverbindungen: So wie die Mehrheit der bürgerlichen Elite die Weimarer Republik von Anfang an ablehnte, wurde diese Ablehnung auch mehrheitlich von der Studentenschaft und den Studentenverbindungen getragen. Und ebenso wie der Antisemitismus in weiten Kreise der Bevölkerung und der Studentenschaft zunahm, wurden auch zahlreiche Studentenverbindungen antisemitischer, verweigerten Juden die Aufnahme, ja schlossen ihre jüdischen Mitglieder aus. Das geschah teilweise schon lange vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Bei einigen anderen Verbindungen geschah dies nach der Machtergreifung unter Druck der Nationalsozialisten, einzelne Verbindungen verweigerten sich dem Ausschluß jüdischer Mitglieder und losten sich lieber auf oder wurden zwangsaufgelöst.
  • Nationalsozialismus: Wie die Mehrheit des deutschen Volkes befürwortete und unterstutzte auch die Mehrheit der Studentenverbindungen die Machtübernahme der Nationalsozialisten. Da die Nazis der basisdemokratischen Struktur der Studentenverbindungen mißtrauten, wurden in den folgenden Jahren alle Verbindungen gleichgeschaltet, losten sich unter Druck auf oder wurden verboten. Auch wenn einige Verbindungen im Verborgenen weiterarbeiteten, gehörten Verbindungen nur selten zu Keimzellen des antifaschistischen Widerstandes. Hingegen gehörten zahlreiche Korporierte individuell verschiedenen Widerstandsgruppen an.
  • Entwicklung ab 1945: In der Zeit direkt nach dem Krieg wurden Studentenverbindungen mit großer Skepsis betrachtet, da sie als ein Teil des die faschistische Herrschaft unterstutzenden Systems gesehen wurden. Daher wurde die Neugründung von Verbindungen an den verschiedenen westdeutschen Hochschulen erst relativ spät, etwa von 1946 bis 1952, und in Ostdeutschland gar nicht zugelassen. Der erwähnte Vorwurf ist insofern berechtigt, als die Weimarer Republik von der Mehrzahl der Verbindungen abgelehnt und die Machtergreifung Hitlers befürwortet wurde. Er ist insofern ungerecht, als später auch alle Verbindungen von den Nazis verboten und enteignet wurden. In den 50er und 60er Jahren entwickelten sich die Studentenverbindungen wieder sehr stark in der Hochschullandschaft. Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle in der Zeit vor und im Faschismus wurde verdrängt, genauso wie allgemein in der bundesdeutschen Gesellschaft.

Wandelgang

  • Die 68er Bewegung: Die Korporationen taten sich sehr schwer mit der 68er Bewegung. Sie hatten von vornherein einen schweren Stand, da sie einen Teil des "alten Systems" darstellten, der von großen Teilen der damaligen Studentengeneration abgelehnt wurde. Dies führte zu akuten Nachwuchsproblemen. Viele Verbindungen mußten sich in den 60er und insbesondere 70er Jahren vertagen, also ihren aktiven Betrieb einstellen. Die Generationenkonflikte, die in der gesamten bundesdeutschen Gesellschaft offen und sehr konfrontativ ausgetragen wurden, fanden auch innerhalb der Verbindungen statt. Viele Aktive forderten einerseits eine offene und teilweise radikale Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, andererseits wurden innere Reformen in den Verbindungen eingefordert. Vielfach wurde zu dieser Zeit die Vergangenheitsaufarbeitung, die von vielen älteren Mitgliedern als eine Kritik an der eigenen Biographie verstanden wurde, verweigert. Diese Einstellung hat sich insbesondere in den letzten Jahren deutlich geändert. Zum einen nimmt, schon bedingt durch den Generationenwandel, der Einfluß der Kriegsgeneration in den Verbindungen deutlich ab. Zum anderen hat die verletzende Scharfe dieser Auseinandersetzung oftmals zugunsten eines sachlicheren Tones nachgelassen, der eine ehrliche Auseinandersetzung auch für die altere Generation erleichtert.
  • Neue Wege: Verbindungen gehen seit dieser Zeit verstärkt neue Wege. Einige legten zum Beispiel das schlagende Prinzip oder das Farbentragen ab, andere bildeten gemischte Verbindungen, in denen Frauen und Männer gleichermaßen Mitglied sein können. Diese neuen Wege waren unterschiedlich erfolgreich, haben aber zu einer weiteren Differenzierung des Verbindungswesens beigetragen. Entsprechend dem Wesen von Studentenverbindungen finden diese Veränderungen behutsam, aber konsequent statt.
  • Neue Blüte: Seit den 90er Jahren gibt es wieder eine kleine Blute der Verbindungen. Zahlreiche Verbindungen konnten erneut eine neue Aktivitas aufbauen. Einerseits haben sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändert, andererseits konnten sich viele Verbindungen durch Modernisierungen erneuern und ihre Attraktivität steigern.